2017 wird als das Jahr der ICOs in die Geschichtsbücher eingehen.

Die Ausgabe von Token wird die Art und Weise wie wir finanzielle Assets handeln, revolutionieren und nachhaltig verändern.

Trotz all dieser Euphorie, habe ich in den letzten Wochen und Monaten die meisten Whitepaper enttäuscht in den Schredder geworfen und rate Investoren zumindest für den Moment zu großer Vorsicht hinsichtlich Initial Coin Offerings.

Ganz nach Kenny Rogers im Song „The Gambler“: „You got to know when to hold ‚em, know when to fold ‚em, Know when to walk away and know when to run.”

Wählten in der Vergangenheit fast ausschließlich gut durchdachte Infrastrukturprojekte den Weg des ICOs, hat sich das Angebot an ICOs im rasantem Tempo in eine schier überwältigende und schwer zu überschaubare Welle verwandelt.

Aktuell planen über 1000 Firmen einen ICO. Bereits im ersten Quartal 2018 wurden durch ICOs mehr Wagniskapital eingenommen als im gesamten vergangenen Jahr ($ 5.3 Milliarden in 2017 vs $ 5.6 Milliarden in Q1 2018).

Entwicklung von ICOs seit Januar 17

Kurzum, die Euphorie ist trotz aller Herausforderungen ungebremst.

Dennoch: Es ist deutlich härter und aufwendiger geworden, neue Projekte zu verfolgen und zu evaluieren. Ohne einen ausführlichen Due Dilligence Prozess kann sich ein Investment in einen ICO schnell in Luft auflösen.

Aber genug philosophiert, hier sind meine Top 10 Gründe, warum ich das Spektakel aktuell von der Seitenlinie verfolge:

    1. Die Regulatoren liegen auf der Lauer

Es herrscht große regulatorische Unsicherheit hinsichtlich der zukünftigen rechtlichen Beurteilung von Initial Coin Offerings. Mehr und mehr Firmen verschieben ihre Tokendistribution, teilweiße um Monate, um sich die notwendige rechtliche Absicherung einzuholen.

Für ICO Investoren bedeutet dies einen unfreiwilligen verlängerten Lockup der Token und im schlimmsten Fall einen Verlust des Investments.

Wie schnell die Lage eskalieren kann, zeigt der Fall von Centra, einem zugegebenen von Anfang an dubiosen ICO (Floyd Mayweather promotete aktiv). Dennoch sammelte Centra letzten September $32 Mio. ein.

Bereits im Februar war Centra auf dem Schirm der SEC gelandet, nun kam es zur Verhaftung der beiden Founder. Das Projekt steht wohl vor dem Aus und der Wert des Tokens befindet sich im freien Fall.

Eine nicht ganz ernst gemeinte ICO Roadmap (Source: Dmitry Buterin)

    2. Tokenmetrics

Kurz und knapp: Die meisten Token haben keine Daseinsberechtigung und dienen lediglich als schnelle und einfache Möglichkeit Geld einzusammeln ohne dafür Equity abzugeben.

Darüber hinaus sehe ich leider nach wie vor bei den meisten ICOs eine komplettes Unvermögen sinnvolle Tokenmetrics zu entwerfen. Viele Utilitytokens werden in den nächsten Jahren ihren wahren Wert in der nähe des Nullpunkts finden.

In der Theorie sollen Tokens nicht den zukünftigen Wert oder Cashflow, sondern die aktuelle Nachfrage nach dem angebotenen Service abbilden.

Spekulation, Hype und FOMO führen aktuell zu teils utopischen Preisen für Utilitytokens, deren zu Grunde liegender Service oder Produkt sich meist noch im „Whitepaper Stadium“ befindet. Eine herrliche absurde Situation!

Zusätzlich besteht die Gefahr, dass viele Utilitytokens in der Zukunft in keinster Weise den Erfolg der Firma widerspiegeln werden. Tokenvelocity ist hier das Stichwort.

    3. Equity Tokens sind die neuen ICOs

Willkommen in der Zukunft.

Equity Tokens sind in meinen Augen die wahre Innovation, die durch Inital Token Offerings möglich werden. Anstatt sich verzweifelt einen Sinn für einen Token aus den Fingern saugen zu müssen, wird zukünftig die gesamte Firma „tokenisiert“. Einem Equitytoken kommt letztendlich die selbe Funktion wie einer Aktie zu, nur dass er Dank der Blockchain viel leichter und schneller zu handeln sein wird.

Außerdem führt die Tokenisierung zu einer deutlich höheren Liquidität bei bis dato sehr illiquiden Assets wie Immobilien, Venture Capital oder Kunstwerken.

Wer das für eine wilde Zukunftsträumerei hält, dem sei zu einem genaueren Blick auf die amerikanische Kryptobörse Coinbase geraten. Dort befindet man sich bereits in weit vorangeschritteten Gesprächen mit der SEC, um zukünftig tokenisierte Securities listen zu dürfen.

„#TokenizeTheWorld“

   4. No Market Fit

Ich sehe eine Zukunft, in der Immobilien, Kunstwerke und Firmen „tokenisiert“ werden, eine komplette Dezentralisierung unseres Wirtschaftssystems halte ich jedoch für unrealistisch. Dezentrale Systeme sind von Geburt an langsam und ineffizienter als ihre zentralisierten Konkurrenten. Nicht überall macht dieser Tradeoff Sinn.

Viele ICOs werden in erster Linie daran scheitern, dass niemand den Vorteil ihres dezentralen Angebotes in Anspruch nehmen wird und infolgedessen der Token wenig Utility besitzen wird und (der aufmerksame Leser wird es ahnen) seinen wahren Wert bei Null wiederfindet.

Diesen Vorgang bewerte ich aber nicht als negativ sondern gehe von einer natürlichen und gesunden Marktbereinigung aus.

   5. Whitepapers mit Unicorn Bewertungen

Aus mir unerklärlichen Gründen scheint es sich als Standard etabliert zu haben zwischen 20-30 Mio. während einer ICO zu fordern, völlig losgelöst vom wirklichen Kapitalbedarf. In den meisten Fällen werden dafür auch nur 30% der Tokens zum Verkauf angeboten, was automatisch eine Bewertung von an die 100 Mio. zur Folge hat. Für meist nicht mehr als ein Whitepaper und eine schöne Homepage eine durchaus ambitionierte Bewertung.

   6. Keine Börse, keine Liquidität

Selbst von der Community als gut eingestufte Projekte haben immer größere Probleme an Börsen gelistet zu werden. BEE Token, STK Token, PundiX oder Shipchain sind nur einige Beispiele.

Einerseits verlangen die führenden Börsen extrem hohe Gebühren (was besonders für kleinere ICOs nicht bezahlbar ist), andererseits haben regulierte Börsen große Bedenken potentielle Securitytokens zu listen und warten vorerst zukünftige regulatorische Entwicklungen ab.

Das führt dazu, dass Tokens häufig nur auf kleinen Handelsplattformen mit geringer Liquidität gelistet werden und häufig günstiger als während der ICO zu erwerben sind.

   7. Wer löst das Scalability Problem?

Die Wahl der richtigen Plattform, ist ein überraschend seltener diskutierter Punkt in der ICO Community. Während eines Investments in ein Blockchain Startup, wettet man nicht nur auf den zukünftigen Erfolg dieser Firma (wie im traditionellen Venture Capital), sondern auch auf den der zugrundeliegenden Plattform. Was bedeutet das?

Wird ein Token auf Ethereum, Neo oder einer anderen Plattform gelaunched, ist seine Zukunft extrem an die des Protokolls geknüpft. Löst Ethereum z.B. nicht seine Scaling Herausforderungen, stehen auch alle ERC-20 Tokens vor dem Aus. Der Wechsel der Plattform dürfte in einem solchen Fall extrem aufwendig werden.

Die bisher erfolgreichste Ethereum Anwendung sind die CryptoKitties. Das Blockchain-Spiel erlaubt Spielern virtuelle Katzen auf der Ethereum Blockchain zu handeln, sammeln und züchten.

Während der Spitze des Hypes im letzten Dezember, sammelten bis zu 180.000 Spieler die „wertvollen“ Katzen. In der Folge waren sie für bis zu 11% des Transaktionsvolumens auf der Ethereum Blockchain verantwortlich und verursachten, wohlgemerkt für alle Benutzer der ETH Blockchain, rekordträchtige Transaktionsgebühren.

Was passiert, wenn im Laufe der kommenden 12 Monate mehrere Anwendungen einen solchen Nutzeransturm verzeichnen?

Eine Ironie der Geschichte ist natürlich die Tatsache, dass die meist benutzte Blockchain Dapp keinen ICO benötigte, ja vielleicht sogar gerade deswegen so erfolgreich war.

CryptoKitties Marktplatz
Cryptokitties Transaktionsvolumen Dezember 2017

   8. Was ist eine Idee wert?

So hart es klingt, Ideen gibt es wie Sand am Meer. 99% scheitern an ihrer Umsetzung. Speziell die Entwicklung von „early stage tech“ ist extrem kompliziert und verläuft häufig nicht wie erwartet.

Schauen wir uns das Augur Projekt genauer an: 2015 nahm Augur durch einen ICO 5,3 Mio ein. 19053 Bitcoins zu einem damaligen Preis von $236,50 und rund 1,18 Mio. Ether zu einem Preis von $0,69. Good old times!

3 Jahre später ist die Plattform noch immer nicht zu Ende entwickelt. Zugegeben die Umsetzung von Augur ist extrem kompliziert und aufwendig. Dennoch ist es ein anschauliches Beispiel wie zeitintensiv die Entwicklung eines Produktes sein kann.

Viele Teams verfügen nicht annähernd über die IT Power eines Augurprojekts und planen häufig erst nach einem erfolgreichen ICO die entsprechenden Entwickler anzustellen. Eine klassische Mission Impossible, da aktuell keine Berufsgruppe begehrter ist.

Mit einer guten Idee und einem bunten Whitepaper viel Geld einzusammeln, scheint inzwischen eine Leichtigkeit zu sein. Mit diesem Geld ein vielversprechendes Team aufzubauen, ein Produkt zu entwickeln und zu vermarkten ist die eigentliche Herausforderung.

  9. Millionär und nun?

Viele Teams sind überfordert mit den extrem hohen Einnahmen einer ICO umzugehen. Beim klassischen VC Investing gibt es zahlreiche Finanzierungsrunden die an entsprechende Milestones gekoppelt sind. Werden die Ziele erreicht, gibt es in der nächsten Runde frisches Kapital.

Bei einem ICO erhält das Team das gesamte Budget auf einen Schlag. Dies erfordert eine extrem gute und langfristige finanzielle Planung. Finanzpläne finden sich in Whitepapern allerdings selten.

Ein im Kryptobereich ebenfalls viel zu selten diskutiertes Thema, ist der Umgang mit den eingesammelten Kryptowährungen.

Ist es sinnvoller Ethereum oder Bitcoin zu halten oder direkt in Fiat zu wechseln?
Nehmen wir an, ein ICO hat 30 Mio. bei einem ETH Preis von $1200 eingenommen.
Bei einem ETH Preis von $ 400 stehen auf einmal nur noch 10 Mio. zur Verfügung.
Aufgrund der hohen Volatilität der Kryptomärkte ist es ratsam, einen Großteil der ICO Einnahmen in Fiat zu tauschen.
Schließlich haben Investoren nicht in einen Kryptofond sondern den Aufbau eines Unternehmens investiert.

   10. Was würde Warren Buffet machen?

Würde Warren Buffet in ICOs investieren?

Für meinen Geschmack herrscht nach wie vor viel zu viel Euphorie im ICO Markt und erst wenige Investoren haben sich wirklich „verbrannt“. Nach wie vor herrscht große Zuversicht, dass diverse Shittokens demnächst auf Börsen gelistet werden. (Spoiler: Not gonna happen)

Darüber hinaus reagiert auch auf Investorenseite die Gier.

Wanchain, die aufgrund von einigen Verzögerungen (ICO Investoren sollten sich daran lieber gewöhnen) „erst“ nach 6 Monaten auf Binance gelistet wurden und “nur” eine Verzehnfachung erreichten, führte zu langen Gesichtern auf Investorenseite, die von 100x geträumt hatten…

Ein ICO, der in einem Bärenmarkt innerhalb von wenigen Monaten zu einem solchen Return führt, würde bei traditionellen Investoren zu einem Herzstillstand führen.

All das sind für mich Anzeichen, dass wir vom Tiefpunkt im ICO Markt noch einiges vor uns haben.

Scams

Betrügerische ICOs habe ich absichtlich aus der Liste herausgelassen. Natürlich haben auch die größten Skeptiker Recht, dass viele Stolpersteine und schlichtweg Scams im Kryptouniversum lauern. Eine schön anzuschauende Homepage, ein halbgarner Usecase und eine Prise Marketing und schon steht die Geldmaschine bereit.

Persönlich bereiten mir betrügerische ICOs jedoch kein Kopfzerbrechen. Mit der notwendigen Research und Analyse lassen sich fast alle Scams identifizieren und ausschließen.

   Die Welt der ICOs ist nicht schwarz und weiß

Bei aller Kritik ergeben sich auch im aktuellen Umfeld immer wieder interessante Investmentmöglichkeiten. Es lässt sich durchaus argumentieren, dass bereits jetzt „das Blut auf den Straßen fließt“ und der perfekte Zeitpunkt zum Kauf von ICOs bereits gekommen ist.

Vor etwa einen halben Jahr schreckte China mit dem Verbot von ICO’s die Kryptowelt auf. In der Folge wurden selbst potentiellen Allstar Projekten wie ICON oder Wanchain kaum Beachtung geschenkt, was sich später tatsächlich als perfektes antizyklisches Investment herausstellen sollte.

Dieses Mal jagen aber nicht nur chinesische Regulatoren Tokenschöpfer, sondern mehr oder weniger die gesamte westliche Welt.

Zusätzlich befinden sich zahlreiche weit entwickelte Projekte seit Dezember im Sinkflug und sind deutlich günstiger zu erhalten als noch vor wenigen Monaten. Selbst potentielle „All Star Projekte“ sind teilweiße in den letzten Monaten 70% und mehr gefallen. Ein Investment dort, dürfte deutlich varianzärmer (soweit man davon in der Kryptowelt sprechen kann) sein, als ein ICO.

Wer dennoch weiterhin in ICOs investieren möchte, sollte sich meiner Meinung nach auf Protokolltoken fokussieren und alle Arten von Utilitytokens mit großer Vorsicht genießen. Letztere können durchaus interessante shortterm Investments („Flips“) darstellen, werden aber longterm vermutlich outperformed werden.

Auf Protokollebene hingegen befinden wir uns in einem extrem innovativen Bereich. Die schlausten Technologieköpfe der Welt befassen sich mit potentiellen Lösungen für die Skalierungsherausforderungen von DLT Systemen und präsentieren fast wöchentlich neue Ansätze.

Hier besteht durchaus nach wie vor die Möglichkeit, das „Google“ von morgen zu entdecken.

   Fazit

ICOs sind und bleiben eine der tollsten und spannendsten Innovationen der Blockchain Welt. Die Venture Capital zeichnet gerne ein Bild von genialen Unternehmern und gewitzten Wangniskapitalgebern, die gemeinsam die Welt verändern. Überraschenderweise hat sich das Business Modell Venture Capital lange Zeit erfolgreich gegen jedwede Innovation gewehrt – bis heute. Die Dezentralisierung des VC Models bietet die Chance auf eine lang benötigte Demokratisierung und vielleicht sogar nachhaltige Verbesserung.

Es bietet Entrepreneuren die Freiheit bis dato von VCs ignorierten Projekten umzusetzen sowie eine deutlich leichtere und unkomplizierte Möglichkeit an Kapital zu gelangen.

Die größte Innovation wird in meinen Augen jedoch jenseits der Startup Finanzierung stattfinden. Die „Tokenisation“ von realen Assets wie Immobilien, Kunstwerken oder Firmen wird die Art und Weise wie wir Assets handeln stark verändern.

Ja, wie jede andere Innovation wird auch die „Tokenisation“ einen Evolutionsprozess durchlaufen, bei dem wir uns erst ganz am Anfang befinden. Und trotz all meiner Skepsis gegenüber dem aktuellen ICO Angebot, bin ich extrem positiv gestimmt und voller Vorfreude was die Zukunft für uns bereithalten wird.

Utilitytokens haben in meinen Augen in ihrer heutigen Form nur noch eine begrenzte Lebensdauer, Equitytokens könnten die Zukunft darstellen.

Ganz nach Kenny Rogers: „You got to know when to hold ‚em, know when to fold ‚em, Know when to walk away and know when to run.”

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